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russisches Roulette am Manaslu und die Lawinen der Gedanken

Manaslu Expedition

Ein Erlebnisbericht von Reisejournalistin Marion Neumann über die Zustände am Manaslu, mit 8163m der achthöchste Berg der Erde, im September 2022.

Nach gut 100 km Fussmarsch durch trotzig nebeliges, verschneites und versoffenes Wetter und etlichen Höhenmetern kommen wir am 12.9.2022 endlich im Basecamp vom Manaslu auf 4800 m Höhe an. Wir thronen 200 Höhenmeter oberhalb und wundern uns, dass ein Base Camp im Himalaya solch städtischen Züge und 5 Sterne Hotel Luxus haben kann. Weit über 1000 Zelte sind wie gelbe Farbklekse verteilt. Die Promidichte steht den Zürcher Filmfestspielen in nichts nach. Das gesammelte Who is Who der Elite- und Möchtegern Bergsteiger ist versammelt. Die dickeren Geldbeutel thronen bei Elite Exped, dort gibt es sogar Hussenstühle. Daneben thront ein ca. 10 m hohes Lounge-Zelt mit Liegesofas. Ob es nächstes Jahr einen Whirlpool gibt?

Wir wundern uns. unglaubliche 404 Permits wurden für den Manaslu* vergeben, über 7km Fixseile verlegt, es lässt sich durchgehend wie ein Dackel an der Leine laufen – selbst an Stellen, die langweilig gerade und absolut absturzsicher sind. Der Duft des wagemutigen Abenteurers, der ins überwiegend ungesicherte Ungewisse steigt ist schon längst verflogen. Heute reist man pauschal und Vollkaskoversichert – Was dann auch zur Folge hat, dass viele einfach nicht an diesen Berg gehören. Da gibt es Novizen, die erstmals an einem 8000er Steigeisen anprobieren, und sich deshalb eben mal Warteschlangen von 100 Menschen bilden können. Egoismus um jeden Preis. Frieren sich die anderen halt die Zehen ab, während man selbst wie ein Volltrottel am Seil entlang torkelt – in Zeitlupe natürlich. Für mehr reicht das Bewegungsrepertoire nicht, aber mit der Helmkamera sieht das dann hübsch dramatisch aus. Mich hat das immer zum Lachen gebracht, diese Kameras über diesen untalentierten Füssen.

Hier ein Foto vom “Stau” von Ralf Dujmovits:

Wir stellen zum Glück schnell fest, dass es am Berg sowas wie Rush Hour gibt. Im kalten Morgengrauen ist es wunderbar einsam;-) denn der geneigte Pauschaltourist steht nicht vor dem Morgengrauen auf. In dieser weiten epischen Landschaft zu stehen, ist mit Worten nicht zu beschreiben, es sei denn man beherrscht die Poesie. Wir sind so winzig und vergänglich, der Berg so gross und kraftvoll. Wie eine Mücke gegen einen Elefanten.

3 Lawinen sind während einer Woche abgegangen, die NZZ titelte dann auch gleich “Russisches Roulette am Manaslu“. Auch sonst gibt es ganz, ganz viele dramatische Erlebnis- und Heldenberichte, wo aus vielen Mücken ganze Elefantenherden gemacht werden. Der böse Berg, der. Wir sind rechtzeitig zurückgekehrt in sichere Gefilde, das Wetter war uns zu heikel. Zu windig, zu viel Schnee, zu riskante Spuranlage und zu viel Massentourismus. Wenn es in einer Nacht fast einen Meter Neuschnee gibt plus Wind, warum muss man dann am Tag danach ins Camp 4 hochstolpern? Einige ganz besonders Eilige haben dann leider die Quittung bekommen und teuer bezahlt. Doch kaum war die erste Lawine mit 12 Verletzten und 1 Toten abgegangen mussten die Sherpas die Fixseile schon wieder ausbuddeln, in Camp 3 stand schon wieder der nächste Tross in den Startschuhen. Der Druck auf die Sherpas ist groß, die Ansprüche einiger Gäste absolut unhaltbar. Trotzdem schreibt die NZZ, dass die nepalesischen Agenturen die Gäste gefährden; dass die Gäste die Sherpas mit irrsinnigen Vorstellungen und Null Ahnung von Berg in Lebensgefahr bringen, wird nicht erwähnt.

Wir hatten in unserer Gruppe auch so ein Exemplar. Der musste nach 6 Nächten in Camp 3 mehr oder weniger runtergeprügelt werden. Er hat sich verweigert abzusteigen. Am Abstiegstag gab es dann wieder eine Lawine, wieder Tod und Leid.

Und während der Heli durchgehend über die Tage Rettungseinsätze geflogen ist, ständig Leute von den höheren Camps ausgeflogen hat, lief unten der Tross ununterbrochen hoch zu den höheren Camps. Ein schizophrener Kreislauf. hochrunterhochrunter…..Es wurden nicht nur Verletzte geborgen. Der Rettungshubschrauber hat zwischendurch auch Taxi gespielt für die Menschen, denen es am Rande der Komfortzone zu sehr geknirscht und gefröstelt hat, und die dann doch lieber in die Karibik wollten. Und die Versicherung zahlt ja.

Die Reise wird als Expedition ausgeschrieben, also als eine Reise in unbekannte Gefilde – innen wie außen. Wenn ich solch eine Reise buche heißt es nicht auch, Konsequenzen für das Tun zu tragen, solange es keine Notlage gibt? Nein, wir leben an den hohen Bergen – den Achttausendern – in Zeiten von maximalem Spaß, aber bitte auch maximale Vollkaskoversicherung.

Aber kann man das wirklich in Dollar kaufen? Scheinbar ja. Die Manaslu Expedition kostet ab 6000 Dollar, wenn man Hochlager selber baut und ohne Sherpa und Sauerstoff geht (Bergsteiger der alten Garde). Ein Gros der Veranstalter berechnet zwischen 10.000-25.000 Dollar, mit Sherpa und einer Normalportion Sauerstoff (das ist die Kategorie Hobbybergsteiger so wie ich). Und wenn man mit Nims* gehen möchte, zahlt man halt 150.000 Dollar. Dafür darf man sich in seinem Promiglanz mitsonnen.

Nur das Wetter, das schert sich nicht, das macht einfach was es will. Und der Wetterbericht und das Wetter hatten wohl eine Beziehungskrise. da wusste der eine nicht, was der andere macht.

Und doch, ich würde es wieder machen, die Qualen der Unsicherheit aushalten, die Angst um den Partner, das Höhenkopfweh, die harten Schlafmatten, der Wind, der zu stark um die Ohren pfeift, das tägliche Leiden. Die Komfortzone ganz weit ausgedehnt, ganz viel Platz zu allen Seiten und diese Bilder, diese Sonnenaufgänge, diese Sonnenuntergänge, die Gemeinschaft unseres 10 köpfigen internationalen Bergler Dreamteam (abzüglich dem einem Vollidioten). Aber ich würde mir einen Berg suchen, der einsamer ist, der technisch so anspruchsvoll ist bzw. so ungesichert, dass er den Bergsteigern und Abenteurern vorbehalten sein darf. Dann muss ich mich nur über mich selbst ärgern 🙂


Text und Fotos: Marion Neumann

* Nirmal „Nims“ Purja ist ein nepalesischer Bergsteiger, der 2019 alle 14 Achttausender (Mount Everest, K2, Kangchendzönga, Lhotse, Makalu, Cho Oyu, Dhaulagiri, Manaslu, Nanga Parbat, Annapurna, Gasherbrum I, Broad peak, Gasherbrum II, Shishapangma) der Erde in Rekordzeit (in nur 189 Tagen) bestiegen hat.
* Der Manaslu ist mit 8163m der achthöchste Berg der Welt

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