Mythos Watzmann Ostwand – Ein Live Bericht!
Im Rahmen der Abenteuer Alpin Tour durchketterten – Sebastian und Ralf vom Team via-ferrata.de – am 03.08.2013 bei glühender Hitze die Watzmann Ostwand. Warum? Eine gute Frage, warum uns der Mythos Watzmann Ostwand so in den Bann gezogen hat.
Los geht es um 3:30 Uhr mitten in der Nacht in St.Bartholomä am Ostwandbiwak. Zusammen mit unserem Bergführer Hansi von Alpine Welten machen wir uns auf, an einem der heißesten Tage des Jahres die Watzmann-Ostwand über den Berchtesgadener Weg zu besteigen. 25°C sind es bereits in der Nacht, bis zu 30°C werden es in der Wand und tropische 38°C weit unten im Tal – im Schatten, den es aber nicht gibt. Nur wenige Gruppen waren an diesem Tag zusammen mit uns in der Wand der Superlative, der mit 2.000 Metern höchsten Kletterwand der Ostalpen. Was uns erwartete, war eine unvergessliche und in vielerlei Hinsicht überdimensionierte Tour.
In voller Dunkelheit brechen wir beim Ostwandlager in St. Bartholomä und laufen gemächlich in fast stoischer Ruhe zur Eiskapelle. Danach geht es durch Latschen sowie über Schutthänge und Schrofen zum Wandfuß und weiter zum Schuttkar, dem Beginn der klettertechnisch anspruchsvollen Passagen. Kaum zu glauben, dass wir hier bereits ein Drittel der Höhendifferenz bewältigt haben, denn gefühlt war dies nur ein kleiner Spaziergang verglichen mit dem, was uns noch erwarten sollte.
Jetzt wird es ernst! Ausgehend vom Schuttkar steigen wir über die ersten Kletterstellen (II), Schrofen, Platten und luftige Wandquerungen zum ersten und zweiten Sporn unterhalb der Wasserfallplatte. Einige ausgesetzte Kletterpassagen bewältigen wir gesichert in der Seilschaft. Inzwischen steigt auch die Sonne über die umliegenden Gipfel empor und lässt die Temperaturen schnell auf Werte knapp unterhalb der 30°C steigen. Zu diesem Zeitpunkt ist unsere Konstitution noch nahezu perfekt. Wir haben uns gut vorbereitet und bereits vor dem nächtlichen Aufbruch prophylaktisch ein paar Gläser mehr getrunken.
Mit der Wasserfallplatte bzw. Wasserfallwand erreichen wir die (erste von zwei) Schlüsselstellen der Watzmann Ostwand. Die glatte Platte befindet sich etwa auf der Hälfte der gesamten Höhendifferenz der Tour, jedoch noch immer im ersten Drittel der eigentlichen Kletterpassagen. Über mehrere Seillängen klettern wir diese Hürde hauptsächlich durch Reibungskletterei. Über weite Teile besitzt diese stark ausgesetzte Passage die Schwierigkeit III nach UIAA. Das Thermometer erreicht trotz der Höhe und des noch sehr frühen Morgens bereits die magische Marke von 30°C, was zusätzlich beginnt, an unseren Kräften zu zehren. Ein positiver Nebeneffekt des Rekordhitzetages ist der allgegenwärtige strahlend blaue Himmel und ein freier, atemberaubender Tiefblick auf St. Bartholomä und den Königssee.
Oberhalb der Wasserfallplatte erwartet uns zunächst etwas Schatten in der sogenannten Rampe. Leider können wir uns hier jedoch nicht lange aufhalten, weil die Felsrinne stark Steinschlag gefährdet ist – insbesondere jetzt, wo ein anderes Team von Kletterern unmittelbar vor uns ist. Somit gibt es erneut kaum Zeit für eine Rast und wir müssen zügig weiter.
Beim Ausstieg der Rampe erwartet uns ein Gras bewachsenes Plateau, das mit der Biwak-Höhle zum einen eine sehr markante Stelle der Tour und mit seinen Schneeresten zum anderen eine mehr als willkommene Wasserstelle bietet. Gut 2 Drittel des Aufstiegs haben wir am Schluss dieser Episode bereits geschafft und noch immer sind es 29 Grad! Mehr und mehr macht sich die außergewöhnliche Hitze bemerkbar…
Die Gipfelschlucht zwischen der zweiten Wasserstelle und der Biwakschachtel ist eine 400 Höhenmeter umfassende Kletterpassage durch stufiges Gelände bestehend aus Schrofen, Platten und Steilaufschwüngen. Im Vergleich zur Wasserfallwand und den Ausstiegskaminen im oberen Teil ist die Schlucht relativ einfach zu überwinden (II) und bietet eindrucksvolle Aus- und Tiefblicke. Wegen ihrer Homogenität ist sie für uns jedoch eine der zermürbendsten Passagen der Tour. Das gestufte Gelände nimmt einfach kein Ende. Hinter jedem Aufschwung scheint es immer und immer weiter zu gehen. Die Sonne brennt mittlerweile bei absoluter Windstille und zerrt nach über 1.700 Höhenmetern an unseren Kräften. In der Hitze des anbrechenden Hochsommertages haben wir bereits große Teile unserer mitgebrachten und teils wieder aufgefüllten Wasservorräte verbraucht.
Dann plötzlich liegt sie vor uns: die Ostwand-Biwakschachtel! Jenes markante Etappenziel markiert den Beginn des finalen Aufstiegs zum Gipfel. Hier machen wir unsere vierte Pause und unternehmen den Versuch, uns notdürftig zu regenerieren, was trotz Wasser- und Nahrungszufuhr, Schatten und Ruhe leider nicht mehr ganz funktioniert, zu groß waren die Anstrengungen bis hierher.

Unbeeindruckt von diesen kleinen Unannehmlichkeiten genießen wir die einzigartige Aussicht, begutachten die luxuriös eingerichtete Biwakschachtel und räumen als erste überhaupt den Watzmann-Ostwand-Geocache ab. Unter die Erschöpfung mischt sich Hochgefühl. 😀
Der Endspurt zum Gipfel der Watzmann-Südspitze beginnt! Jetzt gilt es für uns, die letzten Kraftreserven zu mobilisieren. Mit seinen Ausstiegskaminen ist der obere Teil der Watzmann Ostwand die anspruchsvollste Passage der Tour neben der Wasserfallplatte. Wir klettern fast durchgehend im III. Grad (selten leichter als II). Der größten Hitze sind wir zwar entkommen, doch trotzdem ist es mit über 26°C für diese Höhe noch immer ungewöhnlich heiß. Und so schwitzen wir in einer bizarren Kulisse aus steilen Felsaufschwüngen, schattigen Winkeln und schwindenden Schneefeldern und klettern erschöpft und fast stoisch dem ersehnten Gipfel entgegen. Das Etappenziel ist zum Greifen nah.
Vollkommen zermürbt und zugleich angestachelt von einem hartnäckigen Hochgefühl klettern wir die letzten 200 Meter zur Gratschulter des Watzmann knapp unterhalb der Südspitze. Absatz für Absatz, Seillänge für Seillänge, Kamin für Kamin überwinden wir den finalen Abschnitt und die Ausstiegskamine der Berchtesgadener Route. Mit mobilisierten Kräften und durch die abwechslungsreiche Kletterei bewältigen wir diesen Abschnitt trotz unseres Zustandes und der Hitze relativ schnell und ohne Schwierigkeiten.
Gut 9 Stunden nach unserem nächtlichen Aufbruch in St. Bartholomä erreichen wir endlich unser großes Ziel, den Gipfel der Watzmann-Südspitze. Davor jedoch gilt es noch die klettertechnisch schwierigste Einzelstelle zu überwinden, einen ca. 5 Meter hohen senkrechten Felsaufschwung mit relativ guten aber abdrängenden Tritten und Griffen (Schlüsselstelle Nr. 2, III+). Dann aber lehnt sich der Berg endlich zurück und wir erreichen ein weiteres Mal das große Gipfelplateau. Für einen Moment fallen sämtliche Anspannungen von uns ab. Wir pausieren und spaßen erleichtert und auch ein wenig stolz über unsere Leistung, wohl wissen, dass der uns noch bevorstehende Abstieg via Watzmann Überschreitung – mit etlichen Klettersteig Passagen – und vom Hocheck zum Watzmannhaus in unserer jetzigen körperlichen Verfassung kein Zuckerschlecken werden wird.
Im Anschluss an eine ausgedehnte Gipfelrast machen wir uns am frühen Nachmittag auf, den Watzmanngrat in umgekehrter Richtung zu überschreiten. Unser heutiges Tagesziel ist das Watzmannhaus unterhalb des Hocheck, wir haben also noch einen weiten Weg vor uns. Eigentlich ist die Watzmann-Überschreitung eine eigenständige, sehr eindrucksvolle und in jedem Fall erstrebenswerte Tour, doch nun stellt sie für uns nichts weiter dar, als eine Bonus-Zugabe zur Wand der Superlative. 10 Stunden nach unserem Aufbruch und mittlerweile gänzlich ohne Proviant und Getränke in der kontinuierlichen Hitze dieses besonderen Tages stellen die Überschreitung und insbesondere der Gegenanstieg zur Mittelspitze eine wahre Tortur dar. Weitere 3 Stunden dauert unser Weg bis zum Hocheck. Insofern liegen wir noch immer recht gut in der Zeit. Auf dem Grat in 2.700 Metern Höhe sind es heute 24 Grad im Schatten, im Tal sind es 38,5 Grad. Ein Glück, dass wir der Bullenhitze in luftige Höhen entkommen sind 😉
Kurz vor Erreichen des Watzmannhauses verlässt uns unser Bergführer Hansi, da er am nächsten Tag — man glaubt es kaum — gleich den nächsten Kunden durch die Watzmann-Ostwand führen wird und noch rechtzeitig wieder beim Ostwandlager eintreffen möchte. Von unserer Seite noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön an Hansi und alpinewelten.com, die uns diese eindrucksvolle, unvergessliche, sicherlich auch grausame, aber vor allen Dingen spaßige Tour ermöglicht haben!
Gut 14 Stunden nach unserem nächtlichen Aufbruch erreichen wir schließlich das Watzmannhaus, bestellen uns jeweils 2 Liter erfrischend-schmackhafte Kaltgetränke und lassen den Tag auf der Hüttenterrasse ausklingen. Was für ein außergewöhnlicher Tag! Wir werden noch einige Male an ihn zurückdenken und wissen nun was sich hinter dem Mythos Watzmann Ostwand verbirgt.
- Schwierigkeit: III+ (meist II, im oberen Teil ab der Biwakschachtel durchgehend III)
- Schlüsselstellen: Wassenfallplatte (III) und Steilstufe knapp unterhalb des Gipfels (III+)
- Dauer: 7-9 Stunden vom Ostwandlager bis zur Watzmann-Südspitze; Rückweg über Wimbachgries: 5-6 Stunden, Abstieg zum Watzmannhaus: 5 Stunden: Zusammen: 12-15 Stunden
- Höhenmeter: 2110m
- Gefahren: extrem schwierige Orientierung! Nur mit Ortskenntnis oder in Begleitung eines Bergführers einsteigen! Steinschlag, ungesichertes Klettern, zum Teil stark ausgesetzt; Beim Rückweg über den Watzmanngrat ist zusätzlich ein teilweise ungesicherter Klettersteig (K2/B) zu bewältigen, bei schwindender Kraft ebenfalls heikel
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