Eugen Hüsler im Interview – Klettersteig-Trend hin zur Artistik
Wir haben den Klettersteig-Papst Eugen E. Hüsler zum Interview getroffen und ihn dabei auf die aktuelle Entwicklung in Sachen Klettersteige sowie seine zukünftigen Projekte angesprochen.
via-ferrata.de: Hallo Eugen, kannst du dich noch an deinen ersten Klettersteig erinnen?
Klar, schließlich war das ein historischer Tag. Spaß beiseite, ich meine natürlich die erste Mondlandung in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1969. Am Tag davor war ich an den Fanisspitzen zum Klettern, und da hing ein Drahtseil am Fels. Ein Blitzableiter? Nein: der „Tomaselli-Klettersteig“. In der Schweiz hatte man damals keine Ahnung von Vie ferrate. Für mich war’s ein großer Schritt, für die Menschheit ein ganz kleiner… Neil Armstrong sah das fast 400 000 Kilometer weit weg natürlich ganz anders: „That is one small step for a man, one giant leap for mankind.“

via-ferrata.de: Wieviele Klettersteige hast du seitdem gemacht? Highlights?
Da kann ich nur schätzen – mehr als tausend waren es bestimmt. Highlights gab’s viele, vor allem die großen Klassiker: Civetta-Überschreitung, Schiara, Moiazza, rund um den Sorapis. Und da sind noch die Julischen Alpen mit ihren sehr alpinen Klettersteigen. Und ein Klettersteig-Frühling am Gardasee. Und ein paar schöne Routen in der Schweiz. Und, und, und…
via-ferrata.de: Warst du auch schon auf Klettersteigen außerhalb Europas unterwegs?
Nein, aber ich habe ein wenig im Internet gestöbert. Dass es in Oman, in Mexiko oder auf Borneo moderne Klettersteige gibt, hat mich schon etwas verwundert. Richtig originell finde ich den uralten gesicherten Steig in China, den jedermann/frau begeht, natürlich ohne Sicherung und oft mit Badelatschen an den Füßen (Anmerkung Redaktion: Video Ferrata China).
via-ferrata.de: Wie hat sich aus deiner Sicht das Thema Klettersteige in den letzten Jahrzehnten geändert?
Es ging bergab. Nicht was die Anzahl der Steige angeht, die wächst unentwegt, und populärer ist das Klettersteiggehen ohnehin geworden. Doch fast alle neuen Vie ferrate werden in Talnähe oder in der Umgebung von Seilbahnen angelegt. Dazu kommt ein Trend zur Artistik, weg vom [link removed]. Manche Klettersteige weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Hochseilgärten auf. Ob das die Zukunft ist? Wäre es da nicht ehrlicher, neue Klettersteige gleich in den großen Städten zu bauen, an den Bankentürmen Frankfurts beispielsweise? Mir kommt halt vor, als ob die Natur in vielen Fällen nur mehr eine Alibi-Funktion hat.
via-ferrata.de: Du bist jetzt 67. Welche Ziele hast du, welche Projekte stehen an?
Soweit die Füße tragen. Ideen und Projekte gibt’s jede Menge, aber nicht unbedingt auf der Klettersteig-Schiene. Da ist, glaube ich, schon alles gesagt. Aber die Alpen als Landschaft, als Lebensraum, genutzt, benutzt, geschunden und grandios, sind ein großes Thema. Was bringt die Zukunft: noch mehr Tourismus, noch mehr Verkehr oder eine Rückbesinnung, vielleicht sogar eine Trendwende, weg vom Massenvergnügen. Meine schönsten Touren waren fast immer lang, anstrengend – und einsam. Abends an der Schiara sitzen und zuschauen, wie die Sonne ihren Farbenzauber entfaltet, die Nacht hereinbricht, über dir die Sterne funkeln – das ist ein unvergessliches Erlebnis. Und die Via ferrata der Weg dahin.
Vielen Dank für das nette Interview… Gibt es noch etwas, was du an unsere Via-Ferrata-Community loswerden willst?
Nicht bloß aufs Eisen gucken. Der Überhang, den man gerade noch geschafft hat, ist nicht alles. Es gibt ein Leben jenseits von Drahtseilen, Haken und Leitern – auch in den Bergen.
via-ferrata.de: Eugen, vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin!

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