Kletterroute Eisenzeit – Vom Riffelriss auf die Zugspitze

Mit dem müden Ächzen des Metalls setzt sich morgens die Zahnradbahn langsam in Bewegung Richtung Zugspitze. Eigentlich sollte ich um diese Uhrzeit ja genauso müde sein, doch heute steht eine besondere Tour an: Die Kletterroute „Zugspitze Eisenzeit“ in der Zugspitz Nordwand ist sozusagen ein neuer alter Weg. Um den Bau der Zahnradbahn schneller voran zu bringen wurde 1928 bis 1930 ein haarsträubender Steig in die Felswand über dem Riffelriss gehauen und gesprengt, der sich bis zum Tunnelfenster IV schlängelt. So konnte an mehreren Stellen gleichzeitig mit dem Tunnelbau begonnen werden.

Start an der Station Riffelriss

Über diesen Klettersteig führt uns zunächst unser Weg nach oben. Von der Haltestation Riffelriss (Ausstieg – noch – nur für angemeldete Bergführer!) folgen wir kurz dem Wanderweg Richtung Riffelscharte und zweigen dann ab zu ein paar alten Baracken, ebenfalls Überbleibsel vom Streckenbau. Sowieso mutet hier alles wie ein großes Freilichtmuseum an. Überall Spuren von den abenteuerlichen Bauarbeiten. Auf dem alten Fundament einer Hütte findet sich ein schöner ebener Fleck zum Gurtanlegen. Und zum Jackenablegen. Es ist sehr warm, der Fön der letzten Tage hat die Kälte und hier unten auch den Schnee erfolgreich verjagt.

Start der Route Eisenzeit

Nur im dünnen Fleecepullover starten wir über ein markantes Band in die Tour, bis wir an die „Schlüsselstelle“ kommen. Die hat allerdings nichts mit den Kletterschwierigkeiten zu tun, sondern mit einem großen massiven Schraubenschlüssel, der hier liegt. Weiter geht’s ins Bayerische Schneekar und weiter im Zickzack nach oben. Hier ist der Weg aufwändig in den Fels gesprengt. Trotzdem ist natürlich große Aufmerksamkeit und Trittsicherheit gefragt, ein Stolperer auf dem losen Schotter hätte fatale Folgen. Ich stelle mir vor, wie die die Arbeiter mit der damaligen Ausrüstung ununterbrochen dieser Absturzgefahr ausgesetzt waren, aber gleichzeitig noch schwer schuften mussten. Da gehen wir heute diese Tour deutlich entspannter.

Harakiri Leiter

Harakiri-Leiter in der Kletterroute Eisenzeit - Eisenzeit Tunnelfenster - Bild: Bild: http://www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Harakiri-Leiter in der Kletterroute Eisenzeit – Eisenzeit Tunnelfenster – Bild:  http://www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Nach ein paar Schneefeldern kommen wir zur „Harakiri-Leiter„. Vertrauenserweckender Name für dieses rostige Stück Stahl, das oben nur an ein ein paar von Steinschlag zerfetzten Stahlseilstücken hängt. Zwar sind am Anfang und Ende der Leiter Bohrhaken angebracht, doch noch sind wir seilfrei unterwegs. Vorsichtig taste ich mich daher mehr am Fels als an der Leiter nach oben und schieße von einem Felskopf aus ein paar gruselige Bilder. Ludwig erzählt, dass die Bergführer die Leiter noch mit Bohrhaken fixieren werden, bevor jemand ihrem Namen noch alle Ehre macht.
Nach der Leiter kommen wir zum alten Strahler, einer großen Gerüstkonstuktion mit Scheinwerfern, die früher für Notfallevakuierungen der Seilbahn gedacht waren.

Kurz vor der Nische führen die alten Stahlseile plötzlich über eine glatte Platte. Eigentlich wären es nur zwei Schritte, doch den Einzigen Tritt kann ich mit dem Eisgerät am langen Arm einfach wegstupsen. Der einzige Griff wackelt auch ganz schön. Das Stahlseil ist rostig, die Verankerungen bestehen aus Stahlstiften, die in Holzstücke hineingeschlagen wurden, die wiederum in großen gebohrten Löchern stecken. Bloß leider sind diese Naturdübel schon fast neunzig Jahre alt. Ich zögere kurz, Ludwig meint: „Kannst schon das Stahlseil nehmen. Nur halt nicht belasten!“ Achso. Mit einem krampfigen Ausfallschritt ist diese Stelle aber auch schnell überwunden, die IVer Stelle an der Nische liegt netterweise unter Schnee und zwei rostige Leitern später stehen wir an den Stollenlöchern von Tunnelfenster IV. Hier endet der historische Weg, weiter geht es nun über die alpine Klettertour.

Tunnelfenster

Eisenzeit Tunnelfenster - Bild: http://www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Eisenzeit Tunnelfenster – Bild: http://www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Doch vorher müssen wir in die Stollen. Gar nicht so einfach, wenn der Eingang fast vollständig mit Schnee verschüttet ist. Im Inneren ist es aber trocken und richtig gemütlich, falls man in dieser Tour biwakieren möchte findet man hier den Luxusplatz dafür. Auch ohne Biwak bietet sich der Stollen für eine Pause an, also machen wir es uns auf einem bankähnlichen Kompressorsockel bequem und essen Schokolade.

Der Weiterweg führt aus dem letzten Stollenfenster heraus. Blöderweise ist dieses garagentorgroße Loch fast völlig zugeweht, nur ganz oben ist noch ein kleines bisschen Licht zu sehen. Ein Glück, dass wir nur leichte, schmale Rucksäcke dabei haben! Wie Höhlenforscher krabbeln und quetschen wir uns zwischen Fels und Schnee hindurch noch oben ins grelle Licht. Nun beginnt erst die eigentliche Klettertour.

Aus dem Schlund des zugewehten Stollens entkommen folgen wir noch kurz einem Band aufwärts, bis wir am ersten gebohrten Stand das Seil anlegen. Kleingriffiig, aber leicht geht es direkt hinauf zum zweiten Stand und dann über ein paar plattige Wandstellen weiter zu den nächsten Bohrhaken. Das Gelände ist sehr unübersichtlich. Überall scheint ein Durchkommen möglich, doch verfehlen sollte man den richtigen Weg nicht. Sonst steht man schnell in einer Sackgasse oder findet sich in vertikalen Schotter wieder. Auch das an sich sehr gute Topo hilft in diesem steilen Labyrinth nur bedingt weiter. Zum Glück habe ich mit Ludwig aber einen ortskundigen Seilpartner und ansässigen Bergführer dabei. Er war bei der Einrichtung der Route dabei, kennt also jeden Bohrhaken und natürlich auch den Routenverlauf. Ich genieße es, mir ausnahmsweise um die Orientierung keine Gedanken machen zu müssen und konzentriere mich auf die Kamera und die Genusskletterei.

Schwierigere Kletterei

Nachdem wir die große schluchtartige Rinne gequert haben folgt die – diesmal klettertechnische – Schlüsselstelle. Zunächst muss ich über mit nassem Schnee bedeckten Platten einige Meter absteigen, um dann über einen Wulst in eine lange kaminartige Rinne zu steigen. Am Wulst prüfe ich vorsichtig alle Griffe und Tritte, denn der Fels wirkt alles andere als fest. Auch die nassen Schuhsohlen sind auf den kleinen Tritten mit besonderer Vorsicht zu genießen. Nach einem beherzten Zug stehe ich allerdings schon ausgespreizt in der steilen Rinne. Den Bohrhaken lasse ich aufgrund der Seilreibung aus, doch das Gelände in der Rinne ist nicht so schwer, sodass ich bis zum nächsten Haken keine Probleme bekomme. Nur lang ist sie, diese Rinne. 45 Meter steige ich wie ein Kaminkehrer nach oben. Linkes Bein spreizen, rechtes Bein spreizen, Hände weiter schieben. Ziemlich monoton. So monoton, dass ich fast die Abzweigung verpasse, und so muss ich wieder einige Meter zum Stand außerhalb der Rinne abklettern.

Schotterfeld

Es folgen wieder einige Bänder und ein paar heikle vereiste Platten, dann stehen wir am Beginn des großen Schotterfeldes. Im Moment vielmehr Firnfeld. Stapfend geht es deutlich angenehmer als im Sommer nach oben. Nach der Abzweigung aus dem Schotterfeld kommt die abdrängende Querung um einen schwarzen Bauch herum. Der Fels ist mit einer dünnen Eisschicht überzogen, doch einige Tritte ragen trocken daraus hervor, sodass wir nach wie vor ohne Steigeisen klettern können. In der nächsten Seillänge spure ich in einem Rechtsbogen durch ein steiles Firnfeld, anstatt der Originalroute links über verschneite Felsen zu folgen. Ludwig klettert im Nachstieg statt über die verschneiten Felsen rechts über die steileren, trockenen Felsen. Interessant, wie unterschiedlich doch die Wahl der leichtesten Linie ausfallen kann! Neben dem Stand lockt eine exponierte Felsnadel als ein perfektes Fotomotiv, also bauen wir eine kurze Pause ein, in der Ludwig auf die Spitze der Nadel turnt und posieren muss. Nachdem ich dieses Fotomotiv in allen Varianten auf die Speicherkarte gebannt habe starten wir in die letzte Seillänge und hinein in den Winter.

Felsnadel Zugspitze - - Bild: www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Felsnadel Zugspitze – – Bild: www.facebook.com/silvanmetzfotografie

In der letzten Seillänge vor dem Ausstieg liegt etwas mehr Schnee und Eis auf den Felsen, aber immer noch wenig genug um ohne Steigeisen klettern zu können. Der Fels hier ist etwas fester und macht wirklich Spaß zu klettern, auch wenn sich die Schwierigkeiten in Grenzen halten. Über wasserzerfressenen Kalk geht es nach oben. Am Ausstieg stehen wir auf einem großen und bequemen Schneeplateau und machen wieder einmal Pause. Immerhin ist das heute ja eine Genusstour.

Über den Grat bis hinüber zum Gipfel der Zugspitze

Ein paar Lebkuchen später werden wir allerdings vom kalten Wind zum Jackenanziehen und Weitergehen gezwungen. Hier oben sieht der Berg schon deutlich mehr nach Winter aus, viel Schnee bedeckt die Felsen und bildet schöne steile Rippen. Normalerweise seilt man von hier bequem zwei mal zum Höllentalsteig ab und folgt diesem zum Gipfel, da der Grat, der direkt hinauf führt, sehr brüchig ist. Im Sommer würde man bei einer Begehung dieses Grates eine enorme Steinschlaggefahr für Bergsteiger im Höllentalsteig darstellen, weshalb von davon unbedingt abgesehen werden sollte. Heute allerdings liegt der Schutt unter Schnee und Frost klebt die Felsen zusammen. Außerdem ist im Höllentalsteig und sowieso am ganzen Berg außer uns niemand unterwegs, sodass wir uns entscheiden dem interessanten Grat zu folgen.

Der erste Aufschwung erweist sich auch gleich als recht kniffelig. Tiefer grieseliger Schnee liegt auf aalglatten Platten, sodass wir auf jeden Schritt achten müssen. Auch die Sicherungsmöglichkeiten halten sich in Grenzen, meist reicht es nur für einen eingefangenen Block pro 50 Meter Seil. Schlimm ist das aber nicht, denn der Grat hält keine klettertechnischen Schwierigkeiten mehr parat. Meistens gleicht die Fortbewegung aber mehr der Krabbelgruppe als der hehren Bergsteigerei: Auf allen vieren kriechen wir direkt über die sehr schmale Gratkante, manche Stellen sind schon fast ein Reitgrat. Aber immerhin macht der schöne Schwung des Grates wirklich Spaß und auch das Ambiente wird immer weihnachtlicher. Der Schnee ist tief und klebt an den Felsen. Fast die gesamte, eigentlich felsige Umgebung ist komplett weiß.

Eisenzeit Zugspitze - Bild: www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Eisenzeit Zugspitze – Bild: www.facebook.com/silvanmetzfotografie

Bis kurz unter die Irmerscharte folgen wir noch dem schartigen Grat, dann queren wir zügig zum Höllentalsteig. Wir packen das Seil in den Rucksack und folgen den ab und zu sichtbaren Drahtseilen durch den tiefen Schnee. Da wir eh fast am Gipfel sind und keinen Zeitdruck mehr haben gehen wir die schwere Spurarbeit gemütlich an und sind sogar die meiste Zeit am tratschen. Kurz unter dem Gipfel trifft der Höllentalsteig auf den Jubiläumsgrat, diese Gelegenheit lasse ich mir natürlich nicht nehmen und dirigiere Ludwig noch schnell für einige Fotos auf den ersten Grathöcker.
Vom Gipfel sind wir mit wenigen Schritten an der Seilbahn. Im riesigen Gebäudekomplex von Seilbahn, Baustelle und Münchner Haus können wir uns im trockenen Umziehen und erreichen ohne Stress die letzte Seilbahn zum Eibsee. Natürlich ergattern wir uns in der Gondel einen Platz an den östlichen Fenstern, denn so haben wir noch einmal einen fantastischen Blick auf unsere Route: Gipfelgrat, Ausstiegsseillängen, Schotterfeld, die große Schlucht, die Stollenlöcher, der alte Strahler, das Einstiegsband… wie im Topo ziehen die ganzen interessanten und originellen Kletterstellen der Tour in umgekehrter Reihenfolge an uns vorbei. Ein ungewohnter, aber schöner Abschluss einer schönen Tour.

Topo der Kletterroute Eisenzeit Zugspitze

Wer sich jetzt für diese Tour interessiert, dem sei die Beschreibung und das Topo von bergsteigen.com ans Herz gelegt, doch Achtung: Die Wegfindung ist auch mit dem sehr guten Topo immer noch sehr schwierig. In der Wand scheint überall ein Durchkommen möglich, aber abseits des richtigen Weges steht man sehr schnell in einer Sackgasse und/oder in sehr gefährlichen brüchigen Schutt. Also bitte nicht von den vergleichsweise einfachen Schwierigkeitsbewertungen täuschen lassen.

Wenn ihr euch unsicher seid, oder einfach euch den Stress der Orientierung abnehmen lassen wollt, dann wendet euch am besten an einen örtlichen Bergführer für die Eisenzeit Kletterroute. Am besten natürlich an meinen Seilpartner www.ludwig-karrasch.de, er war auch bei der Einrichtung dabei und kennt die Tour perfekt

 

Mehr Bilder von der Tour findet ihr auf www.silvanmetz.de im Blog und unter www.facebook.com/silvanmetzfotografie. Dort poste ich auch jeden Tag neue Bilder und berichte von meinen Touren. Schaut doch mal vorbei!

ACHTUNG! Es handelt sich bei dieser Tour nicht um einen Klettersteig sondern um eine alpine Kletterroute, die bestenfalls mit einem ortskundigen Bergführer (z.B. Ludwig Karrasch ) zusammen begangen werden sollte!!!

P.S. die Tour wurde am 23.11.2016 durchgeführt!

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1 Comment
  1. Profilbild von gast
    gast 2 Monaten ago

    Die Eisenzeit an der Zugspitze ist derzeit wegen Seilzugsarbeiten für die neue Bahn gesperrt. Die Sperrung wird die nächsten Wochen anhalten..
    UPDATE: Sperrung erst ab KW 31!

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