Doch das Schicksal war im nicht hold, und so erbetete seine Holde der Hölle erneut zu trotzen: Die Ersteigung der Zugspitze durchs Höllental. Desweiteren packten die Mitstreiter Franz und Janosch die Steigeisen.
Während Dan somit vor vier Jahren nur heiße Luft von sich gab, behielten seine wahrsagerischen Kräfte diesmal Recht. Standen wir noch beim Einkaufen in Grainau im strömenden Regen, so stellte sich mit Ankunft in Hammersbach wie von ihm beschworen der Niederschlag ein. Und damit ging die Reise los. Augen zu und durch.
Aufgrund des zuvor heruntergeprasselten Regens ist die erste Etappe zur Höllentalangerhütte aber schnell erzählt. Die Höllentalklamm präsentierte sich so nass, als hätte man eine Autowaschanlage durchlaufen. Somit sind wir in Affenzahn durchgelaufen um so wenig wie möglich davon abzubekommen. Immerhin gabs es danach ein bisschen wärmende Abendsonne.
Nachdem es während der 1,5h Gehzeit aber bereits aufklarte, gaben die zuvor noch schwer im Tal hängenden Wolken den Blick auf das Ziel frei. Der gefallene Neuschnee ab ca. 1900m und der tobende Wind in knapp 3000m Höhe verschreckte aber nicht, da für den nächsten Tag bestes Wetter vorhergesagt wurde. Er machte den Abend eher noch gemütlicher, da man wusste, dass man ruhig etwas länger schlafen könnte um anderen die Spurarbeit zu überlassen.
Aber zum Thema Gemütlichkeit: Die Höllentalangerhütte bot zwar gutes Essen, aber bei ca. 130 Gästen an diesem Abend musste man seinen Sitzplatz nach dem Essen für die nächsten hungrigen Bergsteiger freigeben und fand sich darauf auf einer maximal 1m breiten Matratze im Lager wieder, die man auch noch mit einer weiteren Person teilen musste. Laut Schankwirt soll es nächsten Herbst ans eingemachte gehen und die Hütte neu gebaut werden. Nachdem der Termin aber schon oft genug verschoben wurde, sollte man darauf noch nicht endgültig vertrauen.
Vom Dan durfte ich mir dann noch anhören, warum ich als Ingenieur nicht sofort darauf gekommen bin, das Gepäck zu besseren Nutzung der vorhandenen Fläche nicht hoch zu lagern.
Der nächste Morgen war dann eng gestaffelt: Kurz vor 6 Uhr aufstehen, Rucksack packen, Heißgetränk einnehmen und los. Kurz vorm Klettersteig noch eine größere Frühstückspause und auf zum Eisen. Dort gabs an der Leiter aber gleich die nächste Pause: Wackelige Tritte, Nässe durch abfließendes Wasser und vor einem lauter Personen die keine Klettersteigausrüstung dabei haben bzw. diese nicht benutzen. Ja, der Klettersteig ist an sich einfach, aber bei der Menge an Bergsteigern und den Verhältnissen des Materials will man aber nicht von oben rausgekegelt werden. Somit Warten und Köpfe schütteln...
Beim Brett wurde dann auch gleich die Sache mit den geschlossenen Augen auf Bildern weitergeführt:
Das nun folgende Schotterfeld hatte durch den gefallenen Neuschnee den Zahn gezogen bekommen. Kein Rutschen, kein Fluchen, keine verschwendeten Kräfte. Feuchter Schnee ist und bleibt einfach ein hervoragender Schotterkleber. Also auf zum Rande des Höllentalferners!
Durch den Neuschnee gabs am Höllentalferner sogar Touristen, die diese ohne Steigeisen und stellenweise auf dem Bauch rutschend hinauf krochen. Ja mei, wers braucht. Das eigentlich Problem kam eh erst danach.
Die Randkluft! Was ergibt eine 3m-Stufe bis zum nächsten Anker am Seil, dazu durch den Schnee nasse Schuhe und letztendlich die hohe Anzahl an Wanderern, die weder einen Klettersteig noch eine Felswand gesehen hat? Richtig: Stau. Also stand man eine gefühlte Stunde am Rande des Gletschers, konnte beobachten wie immer wieder ein Seil reingelegt werden muss damit der vorderste der Schlange nach oben kommt. Aufgrund bereits abgelegter Steigeisen hätte es einen wartenden neben mir fast den Gletscher wieder hinunter gelassen, aber sein Stock und meine Hand ersparten uns eine womögliche Spaltenbergung. An sich war die Randkluft aber perfekt erreichbar und leicht machbar. Optimale Bedingungen des Gletschers, besser gehts wohl kaum.
Nun kam der schöne Teil: Klettersteigen, klettersteigen und nochmals klettersteigen. Ok, nicht sonderlich anspruchsvoll, aber doch einfach schön bei dieser Kulisse. Auch die Masse an Menschen Tat dem keinerlei Abbruch. Einfach zum genießen bei tollem Wetter und gigantischer Aussicht.
Nach 6 Stunden erreichte man dann das letzte Stück des Weges. Den Jubiläumsgrat hinter einem, den Gipfel vor einem. Es waren die letzten Meter voller Ruhe, Euphorie und Glückseligkeit. Nach 6 Stunden eine tolle Belohnung.
Der Gipfel selbst war nämlich wie zu erwarten Überlaufen, und natürlich mit der Art von Bergsteigern, wie man sie kennt: Man nehme eine Bandschlinge und einen Karabiner, gefädelt durch die Gürtelschnallen und schwups, man hat ein Klettersteigset. Zumindest der Fangstoß dürfte somit das gerinste Problem des Kraxlers darstellen.
Und natürlich hält eine große Menge an Menschen auch den Dan nicht davon ab, einen auf dicke Hose zu machen!
Es war eine tolle Tour. Als Bergsteiger kann man wohl kaum bessere Bedingungen antreffen, um diese Tour zu begehen. Der Neuschnee hat maximal auf den letzten 70 Höhenmetern etwas gestört, dafür hat er aber im Schotterfeld und auf dem Höllentalferner ungemein geholfen.
Am meisten wird mir aber eines in Erinnerung bleiben: Als wir an der Treppe standen, welche vom Gipfel zur Station führt und warteten, kamen all die bekannten Gesichter an einem vorbei: Die Gruppe am gleichen Tisch vom Abend zuvor, der Bergsteiger den man an der Randkluft von hinten hinauf schob oder die beiden ca. 200m unterhalb des Gipfel sitzenden, die mit leeren Flaschen Schnee aßen und man Ihnen noch was zu trinken abgab. In all der Menge zwischen Touristen mit kurzen Hosen, Bier und Souvenieren reichte man sich gegenseitig beglückwünschend die Hand und hatte in dieser kleinen Runde seine eigene Welt voller Respekt und Gipfelfreude.
Es gibt wohl kaum eine Tour, die sowohl den Wanderer, als auch den Hochtourengeher und Klettersteigler in dieser Kombination fordert und einem dann auch noch so eine Aussicht bietet. Ok, die Ankunft am Gipfel liefert den kompletten Kulturschock, der Weg hinab ist eine Wahl zwischen Knieschmerzen oder leerem Geldbeutel aufgrund der Bahnpreise und meine Sonnenbrille hab ich dann auch noch irgendwo liegen lassen. Aber so weit zu gehen zu behaupten, ich würde die Tour nie wieder gehen, wäre dann doch zu viel. Dafür hat sie einfach zu viel Spaß gemacht.
Oder was sagst du diesmal, Dan?


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